Wir starten ehrlich beim, was wir kennen. Frontalunterricht ist nicht das Problem — er ist ein Werkzeug, das vieles kann. Aber er kann auch Dinge nicht, die der Schulalltag täglich von uns verlangt.
Das Lernhaus ist kein Ersatz für den Frontalunterricht — es ist die zweite Hand, die wir bisher nicht haben. Es kann strukturell Dinge, die Frontal nicht kann. Und es bringt eigene Grenzen mit, die wir kennen müssen.
Eine fix im Stundenplan verankerte Doppelstunde pro Woche pro Klasse.
Beispiel: Dienstag, 4. Std. — Französisch in 7b.
Aber heute wird kein Französisch unterrichtet.
Die SuS arbeiten am Wochenplan — fächerübergreifend. Sie entscheiden, was gerade dran ist. Mathe? Französisch? Schulaufgaben-Vorbereitung?
Die Fachlehrkraft ist anwesend — als Ansprechperson, nicht als Frontallehrkraft. Wer Französisch-Fragen hat, fragt natürlich Frau Wassinn, weil sie heute da ist.
Schwerpunkt: Die Kinder lernen Selbstorganisation und Priorisierung. Das ist das pädagogische Ziel dieser Stunde.
Eine Doppelstunde pro Woche darf ich selbst entscheiden, was ich arbeite. Mein Wochenplan zeigt mir, was bis wann fertig sein muss — bei welchem Fach es brennt.
Ich darf wählen: was, wo und mit wem. Klassenraum, Lerninsel im Gang, Gruppenraum, Differenzierungsraum. Alleine, mit Tom als Tandem, in einer Lerngruppe.
Wenn ich nicht weiterkomme, gehe ich zu meiner Lehrkraft, die heute hier ist. Oder zu meiner Lernbegleitung — die kennt mich am besten.
Was die Stunde nicht ist: keine Freistunde, keine Pause. Mein Wochenplan ist konkret — wenn ich nicht arbeite, sehe ich das am Freitag.
„Hier arbeite ich für mich alleine."
„Hier arbeite ich mit einer Partner:in zusammen."
„Hier arbeiten wir gemeinsam an einem Thema."
Quelle: Münchner Lernhaus-Konzept · Lernatelier der Städtischen Willy-Brandt-Gesamtschule (Praxisbuch S. 30–31). Im Wochenplan-Template tauchen Ich-Raum-Aufgabe und Du-Raum-Aufgabe mit Partner:in als feste Spalten auf.
Eine 90-Min-Frontalstunde mit 28 SuS — wie viele profitieren wirklich? Vielleicht 12. Acht sind unterfordert. Acht sind abgehängt.
Im Lernhaus wird daraus: drei Mini-Instruktionen à 15 Min mit jeweils 6–8 SuS, die das jetzt brauchen.
Höhere Effektstärke, kleinere Gruppen, individuelle Wirkung.
Reibung, die wir benennen müssen: Bayerische Schulkultur ist stark individualistisch — „mein Fach, meine Klasse, meine Methode". Das verändert sich. Nicht von heute auf morgen, aber strukturell.
Praxisbuch München: „86,7 % der Lehrkräfte fühlen sich im Lernhausteam wohl. 82,1 % sagen, im Lernhausteam besteht ein Klima des Vertrauens." — Münchner Lernhaus-Evaluation.
lernhaus.pages.dev.
Update mit den heutigen Erkenntnissen folgt diese Woche.
SuS, die im Plenum nicht folgen konnten, holen in der Freiarbeit das nach, was ihnen fehlt — leise, in Kleingruppe, ohne dass die Klasse zuschaut. Ich kann gezielt 1:1 helfen.
Wer fertig ist, langweilt sich nicht mehr. Ich kann nach oben differenzieren — Vertiefungs-Aufgabe, knifflige Zusatz-Frage, Erweiterung. Heterogenität wird zur Ressource, nicht zum Problem.
Ich kenne meine Lernbegleitungs-SuS über drei Jahre. Wer Stress zu Hause hat, fällt mir auf. Coaching wird Routine, kein Ausnahme-Aufwand.
In der Freiarbeitsphase bin ich Ansprechperson, nicht Lehrer im Frontal-Modus. Ich habe echte Zeit für Mini-Coachings, Lernbegleitungs-Gespräche, gezielte Förderung.
Bei komplexen Themen (Verhalten, Familie, Lernblockade) steh ich nicht mehr allein. Sozpäd, Beratungslehrkraft und das Lernhausteam sehen das Kind gemeinsam.
Stadt-München-Evaluation 2015 an Lernhausschulen:
86,7 % der Lehrkräfte fühlen sich im Team wohl · 82,1 % sehen Vertrauensklima · 84,2 % erfahren Unterstützung der Leitung.
In der Mathestunde nicht alles mitgekriegt? In der Freiarbeit kann ich es leise nachholen. Niemand zeigt mit dem Finger auf mich. Ich frage die Lehrkraft, die heute da ist.
Ich muss nicht mehr warten, bis die anderen mithaben. Ich kann die Zusatzaufgabe machen, ein zweites Buch lesen, eine Erweiterung versuchen. Schule wird nicht langweilig.
Meine Lernbegleitung sieht mich über drei Jahre. Sie weiß, wenn ich gerade einen schlechten Tag habe. Sie merkt, wenn ich überfordert bin — bevor es kracht.
Wochenplan, Logbuch, Prioritäten setzen — das sind Skills für mein ganzes Leben, nicht nur für Schule. Beruf, Studium, Familie — überall hilft das.
Ich bin nicht von einer einzigen Lehrkraft abhängig. Mehrere Erwachsene kennen mich. Sozpäd, Beratungslehrkraft, das Team — wenn was ist, finde ich jemanden.
An Lernhausschulen sagen 78,7 % der SuS, sie gehen gerne zur Schule. 74,6 % fühlen sich gut betreut. 72,1 % fühlen sich gefördert.
Ohne Schönfärberei — Aspekt für Aspekt. Diese Bilanz ist kein Werturteil, sondern eine Bestandsaufnahme. Sie als Kollegium entscheiden mit, was wir daraus machen.
Vorlauf nötig, klare Aufgabenstruktur, Loslassen vom Tafel-impuls. Das ist anstrengend, gerade am Anfang.
Wer digital nicht affin ist, fühlt sich abgehängt. Pflicht zur Cloud-Plattform ist eine Sollbruchstelle.
Bayerische Lehrer-Kultur: „mein Fach, meine Klasse, meine Methode". Verpflichtende Teamarbeit kann sich nach Kontrollverlust anfühlen.